Die Blaue Stunde - vielfach hat man das ja schon gehört, aber was steckt eigentlich dahinter? Was muss man beachten, wenn man ansehliche Bilder schaffen möchte? Und wieso macht jeder so einen Hype um diese ominöse magische Tageszeit? Jeder, der sich einmal mit Nachtfotografie beschäftigt hat, ist wohl auch über die so viel gepriesene Blaue Stunde gestolpert. Ich möchte euch hier die Theorie etwas näher bringen und auch Tipps zum Fotografieren geben, sodass eure Bilder zur Blauen Stunde der Knaller werden.

Was ist die Blaue Stunde eigentlich?

Entgegen der Bezeichnung ist die blaue Stunde nicht etwa ein Zeitraum von einer Stunde, sondern es handelt sich vielmehr um einen Zeitpunkt. Als blaue Stunde wird die Zeit kurz nach Sonnenuntergang bzw. kurz vor Sonnenaufgang bezeichnet. Abhängig von Jahreszeit und geographischer Lage kann diese "Dämmerung" nur ein paar Minuten dauern oder gar eine Stunde oder länger.

Das besondere an der blauen Stunde ist, dass es eben kein direktes Tageslicht mehr gibt, da die Sonne ja bereits untergegangen oder noch nicht aufgegangen ist. Gleichzeitig ist aber noch so viel Restlicht verfügbar, sodass der Himmel zu dieser Zeit intensiv blau strahlt. Das wirkt besonders gut, wenn in den Städten die Straßenbeleuchtungen bereits eingeschalten sind. Auch beleuchtete Fassaden mit ihrer gelblich- orangefarbenen Tönung des Kunstlichtes bilden einen farblich interessanten Kontrast zum strahlenden Tiefblau des Himmels. Das macht das Fotografieren besonders im Oktober oder November sehr interessant. Zu dieser Jahreszeit wird es bereits recht früh dunkel. Die Straßen sind dann auch früh beleuchtet und in den Fenstern der Gebäude brennt Licht, weil der Durchschnittsstädter ja zu dieser Zeit noch im Büro sitzt. Das lässt ein Bild zur blauen Stunde viel interessanter wirken, wenn nicht einfach alle Fenster schwarz sind. 

Weiter sorgt das Restlicht aber auch dafür, das nicht direkt beleuchtete Bereiche nicht einfach nur im Schwarz absaufen. Auch diese Stellen haben noch eine Zeichnung, da das Restlicht ausreicht, Details herauszuarbeiten. Gleichzeitig gibt es aber nicht so Helligkeitsunterschiede wie am Tag, die dafür sorgen, dass immer ein Bereich entweder zu hell oder zu dunkel ist.

Es lohnt sich also, über den tagesaktuellen Zeitpunkt des Sonnenuntergangs/-aufgangs informiert zu sein. So kann man rechtzeitig sein Fotoobjekt der Begierde aufsuchen und auf den richtigen Zeitpunkt warten. Einen Rechner zur Ermittlung der entsprechenden Zeiten findet Ihr z.B. hier.

Vorbereitung ist alles

Es gibt ein paar Dinge, die man aber für die Nachtfotografie - und dazu zählt die blaue Stunde nun mal - beachten sollte.

Wie oben bereits geschrieben, ist die blaue Stunde mitunter recht schnell vorüber und der Himmel wird einfach nur schwarz. Das ist für Nachtfotos ja nicht unbedingt verkehrt aber wir wollen uns ja auf die Blaue Stunde konzentrieren. Es empfiehlt sich also, sich bereits im Vorfeld mit dem Shooting auseinanderzusetzen. So verliert man später nicht zu viel Zeit mit Einstellungen, der Suche nach dem richtigen Motiv und dem richtigen Standort der Kamera. Andernfalls droht, die spannende Lichtstimmung der blauen Stunde zu verstreichen, ohne dass ein einziges, tolles Bild entstanden ist. Also in Ruhe überlegen, was will ich eigentlich aus welcher Perspektive fotografieren. Denn wenn es dann soweit ist, kann es schon mal stressig werden. Insbesondere wenn dann auch noch mit den Einstellungen experimentiert werden soll.

Und wie ist das mit der Schärfe?

Um auch wirklich knackig scharfe Bilder zu bekommen, ist tatsächlich an Einiges zu denken. Manches dürfte im Allgemeinen bekannt sein. Das ein oder andere wird euch aber unter Umständen etwas überraschen:

 

  • Ein Stativ ist ein Muss. Alternativ kann man die Kamera natürlich auch auf einen stabilen Untergrund stellen, das schränkt euch mit der Perspektive dann aber doch sehr ein. 
  • Weiter ist ein Fernauslöser - mit Kabel oder auch Infrarot - unbedingt empfehlenswert. Auch das kann man natürlich durch die Selbstauslöser Funktion umgehen, aber Komfort geht anders. Kommt gar nicht erst auf den Gedanken, man könne doch ganz vorsichtig an der Kamera direkt auslösen.
  • Der Bildstabilisator sollte am Objektiv ausgeschalten werden sollte. Ja, richtig gelesen. Der Stabilisator kommt üblicherweise mit dem Stativ nicht klar und sucht krampfhaft nach Erschütterungen. Damit regt er sich selbst an, was zu Vibrationen führt.
  • Sofern es die Kamera unterstützt, solltet ihr die sogenannte Spiegelvorauslösung aktivieren. Damit wird beim Auslösen zunächst der Spiegel eurer Spiegelreflexkamera hochgeklappt, und die Belichtung findet verzögert erst etwas später statt. Beim Hochklappen ruft der Spiegel minimale Vibrationen in der Kamera hervor, die sich durch die zeitliche Verzögerung erst beruhigen können. Macht ihr das nicht, würde das Bild zwar nicht verwackelt aber die letzte Schärfe fehlt dann eben.
  • Und zu guter Letzt noch ein wenig Physik. Ihr solltet nicht bei maximal offener Blende fotografieren, sondern mind. 1-2 Stufen abblenden. Damit wird der Effekt der Verzeichnungsunschärfe an den Rändern vermieden. Bei maximal offener Blende tritt in den Ecken gerne eine Unschärfe auf, die in der Wölbung der Linse usw. begründet ist. Das fällt insbesondere bei Weitwinkelobjektiven auf, trifft aber eben auch auf weniger weitwinklige Objektive zu. Blende 8-11  kann für APS-C Sensoren uneingeschränkt empfohlen werden.

Ich denke spätestens jetzt kommt niemand mehr auf die Idee, die Kamera manuell auszulösen 😉

Alles eine Frage der Einstellung

So, nachdem wir nun sichergestellt haben, dass wir auch wirklich scharfe Bilder bekommen, geht es an die Einstellungen. Schließlich will man auch was auf den Bildern zu erkennen und schöne Farben zu erhalten.

Grundsätzlich kann gesagt werden: wählt die kleinste ISO Zahl (meist ISO100). So vermeidet ihr ein Bildrauschen und gleichzeitig ist der Dynamikumfang des Sensors dann am höchsten - also die Durchzeichnung von Lichtern und Schatten.

Nachdem nun also ISO Zahl und Blende festgelegt sind, kann man sich an die Wahl der richtigen Verschlusszeit machen. Je länger belichtet wird, desto heller wird das Bild. Außerdem kann man mit einer langen Verschlusszeit auch vorbeigehende Personen einfach verschwinden lassen. Probiert einfach ein wenig herum, bis euch das Ergebnis in der Helligkeit zusagt.

Unten ein paar Beispiele von einem Motiv, dass über ein paar Minuten hinweg abgelichtet habe. Hier wird deutlich, wann die Blaue Stunde ihre volle Wirkung entfaltet.

Zu früh - Der Himmel ist noch zu hell (Blende 8, Belichtung 2 sec.)

Es geht los - Der Himmel fängt an, blau zu leuchten (Blende 8, Belichtung 5 sec.)

Genau richtig - die Blaue Stunde schlägt voll zu (Blende 8, Belichtung 2 sec.)

Licht und Farbe

Spätestens jetzt sollte man sich auch mit dem Weißabgleich auseinandersetzen. Wenn ihr einfach nur "Auto" wählt, wird das Ergebnis wohl sehr orange und unnatürlich ausfallen. Ihr müsst im Laufe der Dämmerung also die Lichttemperatur nachführen:

  • Zunächst startet ihr beim letzten Tageslicht - wählt hier die Einstellung "Tageslicht" mit einer Temperatur von etwa 5200 Kelvin
  • Sobald die Dämmerung dann einsetzt solltet ihr auf eine wärme Lichtfarbe gegen den Blaustich wechseln. Bei meiner Canon ist das dann "Wolkig" bzw. "Schatten" - also etwa 6000-7000 Kelvin.
  • Wenn die Dämmerung dann vorüber ist und die Kunstlichtlampen an Straßen und Gebäuden dominieren, könnt ihr wieder auf eine kältere Lichtfarbe von etwa 2000-4000 Kelvin wechseln. Bei der Canon ist das "Kunstlicht" bzw. "Leuchtstoff".

Und habt keine Bedenken, wenn der Himmel nicht klar ist. das tut der Fotografie zur blauen Stunden keinen Abbruch. Im Gegenteil - Wolken reflektieren das Restlich oftmals noch stärker und lassen den Himmel noch dramatischer wirken.

Strahlendes Blau mit einer natürlich wirkenden Sandsteinfassade. wärmere Lichteinstellung hilft zu Beginn der Dämmerung gegen den Blaustich.

Mit fortschreitender Dunkelheit dominiert die Beleuchtung am Gebäude - die warme Lichteinstellung für zu Orange-Stich

Die Blaue Stunde geht und die Nacht kommt - gegen das Orange der Beleuchtung hilft eine kältere Lichtfarbe

Achtung vor dem Licht

Nun müsst ihr nur noch richtige Belichten. Hier hat sich die Lichterwarnung der Kameraanzeige bei mir schon mehrmals als hilfreiches Hilfsmittel erwiesen. Diese ist bei meiner Canon zu aktivieren, wenn Ihr beim Betrachten des Bildes auf die "Info" Taste drückt. dann erscheint neben dem Bild auch das Histogramm und zu helle - also ausgefressene - Bildstellen blinken. Das bedeutet ihr habt hier keine Zeichnung mehr und es ist einfach nur ein weißer Fleck im Bild. Bildwichtige Details und Stellen dürfen also hier nicht blinken.

Idealerweise beginnt ihr also mit einer ausgewogenen Belichtungseinstellung (+/- 0). Probiert dann einfach ein wenig aus, wie sich eine dunklere (z.B. -1) oder hellere Belichtung(z.B. +1) auf das gesamte Bild auswirken. Insbesondere Lampen und helle Stellen an Gebäuden neben Lampen drohen auszufressen.

Wenn ihr dann auch noch dominante Farben in einem Bild habt (Rotkanal an Gebäuden, Blaukanal im Himmel), müsst ihr darauf achten, dass der jeweilige Farbkanal im Histogramm nicht angeschnitten ist.

Ihr seht also, man kann hier ganz schön experimentieren, bis man die für sich am besten passenden Einstellungen findet. Aber genau das macht doch den Spaß aus - ausprobieren und sehen, welche Wirkung es hat.

Ich hoffe, etwas Licht in die (blaue) Dunkelheit gebracht zu haben und wünsche euch viel Spaß bei euren nächtlichen Streifzügen.

 

Servus,

Euer Georg